Wirtschaft \ Meinung & Analyse

Auch die irakische Wirtschaft kämpft mit der Finanzkrise und struktureller Arbeitslosigkeit. Um den Aufschwung dennoch zu sichern, fordert der Vize-Präsident des Iraks, Adel Abdul-Mahdi, Privatisierungen und die Besinnung auf islamische Werte
WPI: Herr Adel Abdul-Mahdi, ist die globale Finanzkrise schon im Irak angekommen?
Adel Abdul-Mahdi: Die Auswirkungen der Krise werden im Irak erst später im Jahr spürbar werden. Aber in der zweiten Hälfte dieses Jahres wird auch unsere Wirtschaft mit einer veritablen Krise konfrontiert werden.
Und wie wird die sich bemerkbar machen?
Aufgrund der Abhängigkeit des irakischen Marktes von den Ölexporten, wird die globale Krise starke Auswirkungen auf die gesamte Ökonomie des Landes haben. Schon jetzt sind die Einnahmen aus diesem Wirtschaftszweig von 30 auf 25 Milliarden US-Dollar gesunken. In den letzten Jahren waren hier die Einnahmen sogar mehr als doppelt so hoch.
Zuerst wird sich dies auf die Ausgaben für Investitionen auswirken und später vielleicht auch auf privater Ebene auf die Unterhaltskosten, die Löhne und die Kaufkraft der Konsumenten. Die Krise wird die Qualität des Lebensstandards beeinflussen.
Deshalb sollten wir schon jetzt Ressourcen zur Verfügung stellen, um finanzielle Überschüsse und zusätzlichen Mehrwert zu schaffen.
Und dann kämpft der Irak zugleich ja auch noch mit hoher Arbeitslosigkeit.
Sie haben Recht. Das ist ein großes Problem.
Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist zur Zeit nicht an ökonomische Produktivität oder Effizienz gebunden. Es ist vielmehr zu einer Staatsangelegenheit geworden. Nur der Staat ist zur Zeit in der Lage, neue Stellen zu schaffen. Schon vor Jahren hat sich dieser Zustand als Reaktion auf Kriege, Belagerungen und wirtschaftliche Sanktionen ausgebildet. Außerhalb des öffentlichen Sektors gibt es kaum Investitionen.
Statt den kränkelnden Privatsektor zu beleben, hat der Staat kontinuierlich den Öffentlichen Sektor gestärkt. Desto mehr dieser Sektor expandiert, desto tiefer wird die Krise und desto schwieriger wird es, mit radikalen Maßnahmen Lösungen aus diesem Dilemma zu finden.
Aber der Staat braucht wahrlich keine neuen Arbeitskräfte. Andererseits kann der gelähmte Privatsektor diese Aufgaben nicht übernehmen. Zudem sind die Löhne des Staates die höchsten des Landes.
Viele Iraker wollen daher eine Anstellung im Öffentlichen Sektor finden.
Der Irak kann diese Stellen aber durch hohe Einnahmen aus dem Ölgeschäft aber doch finanzieren.
Die Regierung verfügt zwar, wie Sie sagen, über Einnahmen aus der Ölbranche, aber gibt einen großen Teil diese wieder für Gehälter im Öffentlichen Sektor aus, der dann wieder an anderen Enden fehlt. Damit verschärft sich der Investitionsstau.
„Angesichts der globalen Finanzkrise müssen wir die Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung anpassen, so dass es wieder lukrativ wird zu investieren.“ Und zu gleichen Zeit geben die Angestellten ihr Gehalt bei geringer Sparquote zur für Konsumgüter aus, von denen die meisten noch importiert werden müssen. Dadurch ist das Land anfällig für Schwankungen des globalen Marktes und sehr anfällig für Inflation.
Gibt es denn Maßnahmen zur Kontrolle der Inflation?
Noch versuchen wir die richtigen Mittel zu finden. Die Inflation ist weiterhin eine große Hürde für das Wirtschaftswachstum in diesem Land.
Anfangs versuchten wir, die Inflation zu kontrollieren, indem wir die Zinssätze anhoben, um die finanziellen Überschüsse des Marktes zu absorbieren. Dieser Versuch schlug leider fehl.
Die neuen Maßnahmen führten zu einer Verminderung der Investitionen von Kapitalbesitzern, da sie durch das Anlegen ihres Geldes bei den Banken höhere Zinsen erzielen konnten als durch Investitionen.
Angesichts der globalen Finanzkrise müssen wir auch diese Maßnahmen erneut unter die Lupe nehmen und so anpassen, dass es wieder lukrativ wird zu investieren. [Anm. d. Red.: Inzwischen hat die irakische Zentralbank die Zinssätze von 17 auf 11 Prozent gesenkt.]
Eine Lösung wäre zum Beispiel die Arbeitsmarktbedingungen zu verbessern und die immer noch existierende Kinderarbeit aus der Welt zu schaffen.
Es gibt ja auch eine entsprechende Gesetzgebung in diesen Bereichen, allerdings wird sie nicht umgesetzt.
Die Lage der Wirtschaft ist sehr ernst und daher konnten diese Gesetze noch nicht konsequent angewendet werden. Wie ich schon erwähnt habe, zwingen die zentralen Probleme unserer Wirtschaft – das Fehlen von Arbeitsplätzen außerhalb des öffentlichen Sektors sowie das Unvermögen des Staates, weitere Stellen anzubieten – die Leute dazu, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um ihre eigene Existenz zu sichern. Sie durchsuchen Abfälle nach Gegenständen, die weiterverkauft werden können; sie lassen ihre Kinder arbeiten – und das unter unmenschlichen, gefährlichen und extrem harten Bedingungen.
Zusammen mit den Folgen der Wirtschaftskrise ist es schwierig alle Probleme zugleich anzugehen, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen. Dafür braucht es auch Investitionen aus dem Ausland.
Und dennoch versuchen Sie zur gleichen Zeit wirtschaftliche Grundlagen des Islams in die irakische Wirtschaft zu integrieren. Halten Sie es gerade in dieser Situation für möglich, einen Staat aufzubauen, der auf islamischer Ökonomie basiert?
Die Bezeichnung „islamische Ökonomie“ ist eine Metapher. So etwas gibt es im Grunde genommen nicht, genauso wenig wie eine rein „islamische“ Medizin oder Architektur. Manchmal benutzen wir die Bezeichnung „islamische Architektur“, um die Besonderheiten der Architektur zu beschreiben. Aber das bedeutet nicht, dass diese Art von Architektur nichts mit konventionellem Ingenieurswesen zu tun hat oder auf gänzlich anderen Konzepten basiert.
Sie arbeiten also mit den gleichen Begrifflichkeiten. Wofür steht der Begriff denn dann?
Es gibt spezifische islamische Vorschriften, die sich auf die Wirtschaft in einschränkender Weise auswirken. Dazu gehören die Regulierungen im Bezug auf Wucherei, Monopolbildung sowie die Preispolitik. Hier herrschen andere, spezifischere Gesetze. Die wirtschaftlichen Grundprinzipien von Angebot und Nachfrage sind aber natürlich weiterhin gültig.
Es ist also eine Erweiterung beziehungsweise Einschränkung.
Genau. Es gibt keine islamische Ökonomie als solche. Der Märtyrer al-Sadr [ein islamischer Denker, der vom Saddam-Regime exekutiert wurde] sprach in seinem berühmten Buch „Our Economy“ nicht von einer islamischen Wirtschaft. Er sprach von einer ökonomischen Doktrin, die typisch für die Menschen „Es gibt eine ökonomische Doktrin, die typisch für die Menschen dieser Region ist. Dazu gehören bestimmte ethische Regeln“dieser Region ist. Es herrscht also kein Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und der regionalen Ökonomie, oder zwischen unserem Land und anderen Ländern.
Und wie machen sich diese islamischen Elemente praktisch bemerkbar?
Auch in vielen nicht-islamischen Ländern gibt es Banken, die gegen den Wucher vorgehen. Überall in Europa wurden Banken zu diesem Zweck eröffnet. Das sind aber im Grunde genommen islamische Regeln. Die werden adaptiert, wenn es um die Beziehung zwischen jenen geht, die das Geld anlegen, und jenen, die es investieren.
Viele islamische Länder wenden solche speziellen islamischen Standards landesweit an, wie zum Beispiel Saudi Arabien, Iran und einige andere Golfstaaten. Es ist nicht die Bezeichnung „islamisch“, die hier ausschlaggebend ist, sondern die angewandten Kriterien. Was zählt ist die Durchführbarkeit und der Inhalt, nicht die Terminologien und Bezeichnungen.
Und was bedeutet das für den Irak?
Wir glauben, dass die irakische Wirtschaft das selbe Fundament wie andere Ökonomien haben sollten, wenn es zum Beispiel um die Mobilität von Kapital, geht. Aber gleichzeitig sollen islamische Konzeptionen ihren Weg in die irakische Wirtschaft finden, um solche Auswüchse wie vor der Krise zu verhindern.
Foto: Gerard Cerles (Getty Images)
Dieses Interview wurde zuerst auf niqash.org veröffentlicht.









